hier ein neuer Bericht nach einiger Zeit. In der Zwischenzeit habe ich einen Job hier in Whangarei gefunden. Ich arbeite als Bedienung in einem "deutschen" Brauhaus. Nach einigen Bemerkungen meiner beiden Eltern ueber meine fehlende Oberweite (vielen Dank auch), muss ich aber doch mal klarstellen, dass ich NICHT in einem Dirndl rumrenne und riesige Glaeser trage, denn auch hier ist Deutschland nicht gleich Bayern. Der Besitzer des Brauhauses ist Bremer und er betreibt eine nette Bar, die eben auch ihr eigenes Bier braut. Ausser dem Namen (Brauhaus Frings) und dem Besitzer erinnert jedoch nicht viel an Deutschland. Der Manager (Darren) ist Maori, der seine gesamte Verwandschaft entweder eingestellt oder jeden Abend in seiner Kneipe hocken hat. Darren selbst ist ein fuelliger dunkler Typ mit gewachsten, schwarzen
Locken. Ein bisschen Poser sind sie alle, die Jungs von Frings, wenn sie dann vor der Kneipe stehen (auch hier ist Rauchverbot), sich gepflegt unterhalten und ein Bier nach dem anderen Kippen, waehrend wir Maedels unter ihren wachsamen Augen herumrennen und Bier verkaufen. Trotzdem herrscht eine nette Atmosphaere, fast jeder ist Stammgast und man kennt sich. Meine Einarbeitung in die Gastronomie lief so ab: ich kam rein, bekam ein T-Shirt, eine Bauchtasche mit Wechselgeld (A: Hilfe, ich muss Kopfrechnen, B: Ich muss von der Vorstellung runterkommen, Bauchtaschen tragen nur Nutten), sowie eine kleine Karte mit den Bierpreisen in die Hand gedrueckt. Das war's. Fuer jedes bisschen Information muss ich eine gestresste Kellnerin fragen und hoffen, dass sie Zeit fuer eine Antwort hat. Aber gut, so laeuft das hier anscheinend. Ueberarbeitet habe ich mich aber trotzdem noch nicht, es ist doch ziemlich entspannt hier und schliesslich arbeite ich nicht taeglich und mache den Rest der Zeit Urlaub.
Neben meinem neuen Job bin ich nun als Freiwillige im Department of Conservation eingetragen, d.h. ich kann verschiedene interessante Jobs machen, fuer die ich aber kein Geld bekomme. Fast wie zu Hause also. Letzte Woche war ich einen Tag mit Martin auf seiner Arbeit. Wir sind in rasender Geschwindigkeit mit einem Schlauchboot mit Motor durch die Gegend gefahren (ich bin auch gefahren!) und haben aufgepasst dass in seinem "Marine Reserve" niemand fischt. Zum Glueck war niemand da, die Kontrolleurrolle wuerde mir nicht so gut gefallen.
Am Wochenende habe ich einen Ausflug zur Bay of Island gemacht, einer Bucht mit vielen kleinen Inseln, die etwa 1,5 Stunden Busfahrt von hier entfernt liegt und wegen ihrer Schoenheit ein beliebtes Reiseziel ist. Ich war in einem Hostel mit vielen sehr jungen Leuten (bin ich zu alt fuer Neuseeland?), die viel Geld fuer die zahlreichen dort angebotenen Ausfluege und Aktivitaeten ausgegeben haben, wie etwa Sky Diving, die Swim-with-the-Dolphins-Cruising-Tour, Sailing oder sonstiges. Ich hab mich so unter Drucke gefuehlt irgendwas anderes zu machen als meine geplanten Wandertouren, dass ich fuer 90 NZD (etwa 45Eur) eine 2-std. Reittour gemacht habe, die ganz schoen war, aber wegen der vielen Anfaenger etwas zu lahm fuer meinen Geschmack. Von der hochgepriesenen Landschaft war ich etwas entaeuscht. Es war schoen, aber nicht so umwerfend wie ich erwartet hatte. Da habe ich hier in der Ecke schoenere Ecken gesehen. Abends wurde dann in der Hostelbar das grosse Rugby-Spiel gegen Australien geschaut (Rugby ist gross hier, ein Thema, von dem ich wann anders erzaehle) und Jaegermeister durch die Nase getrunken. Ein Riesenspass. Das netteste Mensch, den ich auf dem Ausflug kennengelernt habe, war wohl die 6jaehrige Tochter der Hostel-Putzfrau, mit der ich ein paar Stunden Zeit verbracht habe. Sie hat gerade Lesen gelernt und wir haben ein paar Buecher zusammen angeschaut und erzaehlt.
Am Sonntag bin ich dann wieder zurueck gefahren, weil mir von meinem Gastgeber eine mehrtaegige Segeltour auf der Sea Wanderer, unserer derzeitigen Behausung, versprochen wurde. Martin hat sie vor etwa 2 Monaten gekauft und bisher nur bewohnt, aber noch nie von ihrem Platz bewegt. Am Montag legten wir dann auch einigermassen puenktlich ab, um mit der Flut den Hafen verlassen zu koennen. Nach etwa 1 Stunde Fahrt mit Motorantrieb, entschieden wir die Segel hochzuziehen, was sich aber als einigermassen kompliziertes Unterfangen erwies, da uns beiden das Boot noch fremd war. Waehrend wir dann beide an dem Segel herumfuchtelten, erfuehr ich dann auch dass Martin bisher nicht viel mit Segeln zu tun hatte. Ploetzlich blieben wir mitten auf dem Kanal stehen und mussten feststellen, dass wir auf eine Sandbank aufgelaufen waren. Einige Versuche mit dem Rueckwaertsgang wieder herunterzukommen blieben erfolglos. Nach einiger Zeit kam ein altes Fischerboot vorbei und bot uns per Ferngeschrei an, uns herauszuziehen. Martin ruderte im Beiboot zu ihnen herueber und lies sich ein langes Drahtseil reichen, was aber leider gerade eben nicht lang genug war. So ruderte er verzweifelt etwa 5-10 Meter von unserem Boot entfernt und rief mir immer wieder zu, dass ich ein anderes Seil rueberwerfen sollte. Ich versuchte es, aber entweder war das Seil zu kurz oder meine Wurfskills zu bescheiden- es gelang mir nicht. Gleichzeitig kam die Ebbe, das Wasser verschwand und das Boot neigte sich immer weiter zur Seite. Ich hatte das Gefuehl wir kippen gleich um, war allein auf dem Boot, hatte mit dem Seilwerfen versagt und fuehlte mich ziemlich miserabel.. Die Fischer und Martin gaben irgendwann auf und beschlossen, dass wir auf die naechste Flut warten muessten. Das taten wir dann auch. Es wurde ueberraschenderweise ein sehr angenehmer Nachmittag. Wir sassen auf dem Deck unseres gestrandeten, ca. 75 Grad geneigten Bootes, die Sonne schien und tranken Rotwein, knabberten Kekse und lasen uns gegenseitig aus einem Seemansroman vor. Ab und zu kam ein Motorboot vorbei, dessen Besatzung wir dann unser peinliches Missgeschick berichten mussten. Unter Deck gehen war eine grosse Kletteraktion bei der man sich wie im Raumschiff fuehlte. Zum Glueck hatten wir vorher alles gut verstaut, so dass nichts kaputt gegangen ist. Gegen 16:30uhr kam das Wasser wieder, das Boot erhob sich wieder und wir konnten weiter. Es reichte gerade noch um in die naechste Bucht zu kommen und Anker zu legen, bevor es dunkel wurde. Dort haben wir dann den Sonnenuntergang bewundert und tatsaechlich noch Delfine gesehen. Am naechsten Morgen sollte dann tatsaechlich gesegelt werden. Wir setzten die Segel und fuhren los. Leider hatten wir so gut wie keinen Wind und dafuer ziemlich hohe Wellen, so dass wir ziemlich durchgeschaukelt wurden. Nach einiger Zeit war uns beiden schlecht und wir beschlossen zurueck zu fahren, an Land zu rudern uns spazieren zu gehen. Abends fragten wir uns beide, ob wir wirklich noch von der Idee begeistert sind per Segelboot die Welt zu bereisen (Martin hat sich fuer diesen Zweck das Boot gekauft und moechte naechstes Jahr im Mai/Juni losfahren). Aufgeben will er den Plan aber noch nicht und bis dahin machen wir noch ein paar Trips, um die Segelliebe zu testen.
Jetzt bin ich zurueck in Whangarei und mache einen faulen Tag, da das Wetter wieder schlechter ist. Morgen moechte ich mal zu einem Stall fahren, die Hippo Therapie (Theraphie fuer behinderte Kinder auf Pferden) anbieten und immer freiwillige Helfer suchen.
Ihr hoert dann von mir :)
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