Donnerstag, 2. Oktober 2008

Segeln ist kein Luxus

Ich sitze auf der Bank vor dem Steuer am hinteren Ende des Bootes. Es ist sehr windig, etwa 40 Knoten/Std. und das Boot bricht durch die hohen Wellen; ab und zu schwappt eine ueber uns whaerend wir zurueck Richtung Hafen fahren. Wir haben die Segel runtergelassen und fahren nur mit Motorkraft - der Wind ist zu stark. Trotzdem liegen wir sehr schraeg im Wasser und werden durch den Wellengang ordentlich durchgeschuettelt. Der Wind fegt mir um die Ohren, ich bin durchnaesst und mir ist kalt. Ich schmecke Salzwasser, es ist ueberall: auf meinen Lippen, in meinem Mund, meinen Augen, auf meiner Kleidung und vor allem auf meinen Haenden. Sie sind rauh und aufgesprungen vom vielen Salzwasser und dem Ziehen an dreckigen, nassen Seilen und Ketten und uebersaet von kleinen Wunden und Schrammen, die man sich bei eben jener Arbeit zuzieht. Waehrend Martin am Steuer steht und eine Welle nach der anderen ueber ihn schwappt, habe ich mich in das kleine ueberdachte Stueck an Deck zurueck gezogen und betrachte das Szenario. Bloss nicht in die Kajuete gehen, sonst geht es mir so wie gestern. Ich bin seekrank geworden, zum ersten Mal im Leben - ein schreckliches Gefuehl. Mir war unendlich schlecht, ich hatte Kopfschmerzen und fuehlte mich ernsthaft krank und schwach. In diesem Moment ist einem alles egal und man hat nur einen Wunsch: endlich dieses Schiff zu verlassen und nicht mehr diesem endlosen Geschaukel ausgeliefert zu sein. Stattdessen muss man weiter an Leinen ziehen, steuern, segeln, an Deck hin und her laufen und sich konzentrieren. Und dabei geht es immer weiter auf und ab - auf und ab... ein Alptraum. Martin erzaehlt mir am Abend (nachdem wir einen geschuetzten Platz zum Ankern und Uebernachten gefunden haben und es mir endlich besser geht) wie er auf einem Greenpeace-Schiff wochenlang seekrank war und ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat sich ueber Bord zu werfen.
Diese Art von Segeln ist auf jeden Fall etwas anderes als das Segeln auf den kleinen Jollen auf der Alster in Hamburg. Es ist unglaublich wieviel Kraft man braucht um eines dieser riesigen Segel hochzuziehen, denn sobald der Wind es erfasst ist soviel Spannung auf dem Segel, dass man sich mit seinem ganzen Koerpergewicht an das Seil haengen muss. Ich brauche ungefaehr 20 Minuten fuer ein Segel - und die Sea Wanderer hat drei davon! An jedem Mast befindet sich eine kleine handbetriebene Kurbel, in die man den Strick einhaken kann um somit das Segel leichter "hochhebeln" zu koennen. Es passiert jedoch leicht, dass sich das Seil dabei verhakt und es wegen der hohen Spannung weder vorwaerts noch rueckwaerts geht. Dies ist eine Situation die man tunlichst vermeiden sollte, denn wenn man dabei seitlich von einer Windboee erfasst wird, kann man umgeweht werden. Wenn es also passiert, dass das Segel verklemmt ist, faengt die ganze Crew (in diesem Fall Martin und ich) hektisch an mit roher Gewalt und irgendwelchen Hilfsmitteln (wie z.B. Schraubenzieher) an dem Seil herumzuwerkeln und sich dabei die Haende zu ruinieren. Im Notfall muss das Seil gekappt werden, wofuer sich auf jedem gut ausgeruesteten Boot Aexte und Buschmesser in greifbarer Naehe befinden muessen. Bisher haben wir einmal zu dieser Massnahem greifen muessen: unser Beiboot hatte sich gestern beim Ablegen der Yacht in den Seilen der Pfeiler verhakt an denen die Sea Wanderer normalerweise festgebunden ist, wenn sie im Hafen liegt. Da wir das Beiboot mitnehmen wollten und es daher an die Yacht geknotet war, gab es ein grosses Seilwirrwarr und irgendein teueres Navigationsgeraet auf dem Sea Wanderer schwebte in der Gefahr abzubrechen, weil auch hier ein Seil festhakte. Es war soviel Spannunga auf den einzelnen Seilen, dass sich kein Knoten mehr loesen lies und wir wegen dem Wind das Schiff nicht zurueck fahren konnten und zum Messer greifen mussten.

Wie dem auch sei, ich muss feststellen, dass das Segeln auf dem Meer und das Bedienen eines Bootes dieser Groesse (2 Maste, 13m Laenge) schwieriger ist als ich dachte. Wo sind all die reichen Leute mit ihren weissen Polo-Hemden und Segelschuhen und wie schaffen sie es die Klamotten sauberzuhalten, im Liegestuhl zu liegen und Cocktails zu schluerfen? Hier treffe ich sie zumindest nicht. Hier sind vor allem viele Menschen, die auf ihren Booten leben und nicht viel mehr besitzen als das. Man trifft viele alleinstehende, aeltere Maenner, die pensioniert sind und hier ihren Lebensabend verbringen. Wenn das Wetter schoen ist fahren sie raus oder haengen mit Gleichgesinnten im Hafen herum. Auf diese Weise habe ich Bob kennengelernt, einen symphatischen etwa Ende 60jaehrigen Herren, der immer mit einem durchloechterten Wollpulli herumlaeuft auf dem tatsaechlich Moos waechst. Bob hat mir erzaehlt wie sein Alkoholproblem und religioese Uneinigkeiten (sie gehoert zu den Zeugen Jehovas) seine Ehe zerstoert haben und er nach einer grossen Leidensperiode endlich seinen inneren Frieden und Antworten zu seinen Fragen im Hinduismus gefunden hat. Er hat mehrere Reisen durch Indien gemacht und Wunder gesehen und ist gluecklich, weil er weiss, dass er wieder geboren werden wird, auch wenn er heute Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium hat.
Spiritualitaet und Interesse am Hinduismus und Buddhismus ist hier generell ein grosses Thema, wahrscheinlich weil so viele Suchende hier landen. Aber dies ist ein anderes Thema und soll ein andermal erzaehlt werden.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hallo Süsse,

endlich haben wir Deinen Blog nun auch gefunden und verfolgen gespannt Deine Reise.....
Es grüßen Dich
Andrea und der Rest der Hummeln